Görlitz ist eigentlich ein Stadtteil von Berlin
Görlitz ist eigentlich ein Stadtteil von Berlin
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Das ist natürlich Quatsch. Dennoch sind Görlitz und Berlin bis heute eng in einer Art Gewohnheitsbeziehung verbandelt. Diskret. Man redet nicht darüber, zumal viele Menschen auch nicht wissen, worüber sie reden sollten. Görlitz? Wo ist das?

Die Kreuzberger sind ganz nah dran an Görlitz. Im alten Stadtteil SO36 gibt es – abgesehen vom (Görli-)Gelände des ehemaligen Görlitzer Bahnhofs – eine Vielzahl von Straßennamen, die auf die Nieder- und die Oberlausitz und auf (Nieder-)Schlesien verweisen. Schon vor knapp 150 Jahren konnte man per Zug in die prosperierende Neißestadt fahren. Dort boomte zum einen die Wirtschaft und zum anderen überzeugte die Stadt schon damals durch ihren architektonisch-kulturellen Reichtum. Wohlhabende Berliner leisteten sich gern eine Zweitwohnung in der ebenso wohlhabenden Stadt, die 1071 erstmals in einer Urkunde König Heinrich IV erwähnt wurde.

Wer heute mit dem Zug ab Berlin gen Görlitz fahren will, steigt z. B. im Ostbahnhof in den Zug, wechselt in Cottbus in die ODEG Regionalbahn und ist in 2,5 Stunden in der eindrucksvollen Stadt.

Und was die oben zitierte Zweitwohnung angeht: die Immobilienpreise – Miete oder Kauf – sind immer noch sehr moderat. Wer eine kleine oder große renovierte Altbauwohnung sucht, der wird hier schnell fündig und das zu Preisen bei denen mietgeschädigte Metropolenbewohner vor Freude in Ohnmacht fallen: Durchschnittlich sind es 4,50 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter. Häuser gibt es ebenso für ein kleines Geld. Mit einem niedrigen fünfstelligen Betrag ist man schon dabei. Einfach eines der bekannten Immobilienportale besuchen und Oberlausitz und „Haus kaufen“ eingeben und…kaufen?

Ich habe viele Jahre in Berlin gelebt. Görlitz kannte ich nur dem Namen nach. Irgendwo südlich von Berlin musste es sein. In Sachsen! Im östlichsten Osten! Mehr wusste ich nicht. Ich bin auch nicht auf die Idee gekommen, mal einen Ausflug in diese Richtung zu unternehmen. MVP und Brandenburg waren irgendwie präsenter und damit attraktiver. Erst über meine Frau – die ich durch meinen Freund Rolf Biemelt in einem Off Kino in der Kastanienallee kennengelernt habe – zog es mich im Spätsommer 2009 in die Oberlausitz. Über die Ödnis der Autobahn und einen ungewollten Umweg über Polen landeten wir schließlich in Klein Priebus, dem winzigen Dorf, in dem ich heute lebe. Natürlich sind wir auch nach Görlitz gefahren und natürlich haben wir auch die Gegend ein wenig erkunden können. Es war nachhaltig beeindruckend diese vielfältige Region im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck kennenzulernen, in der überhaupt nicht sächsisch gesprochen wird.

All die oben erwähnten Straßennamen im Kreuzberger Kiez machten auf einmal Sinn, bekamen ein Bild, ein Gefühl und die Entfernung zwischen Berlin und der Oberlausitz schrumpfte gleichermaßen zusammen. Görlitz, dachte ich nun, ist irgendwie ein Stadtteil von Berlin. Ein schöner und heimisch machender Gedanke.

Zurück in Berlin und zurück in Kreuzberg hat mich die Oberlausitz nicht losgelassen. Ich habe angefangen mir die Region über den virtuellen Weg – sprich Internet – näher zu bringen… um nebenbei festzustellen, dass meine Uroma mütterlicherseits in Sagan (heute Zagan), nur 30km von Klein Priebus entfernt, aufgewachsen ist. Noch mehr Heimat.

Ziemlich am Anfang meiner virtuellen Ausflüge bin ich auf die wahnwitzigen Tagebaulöcher der Braunkohleindustrie gestoßen und folgend auf die devastierten Dörfer, die Sorben und dann auf Weißwasser mit seiner einstmals gigantischen Glasindustrie und dem dort in der 1930er Jahren tätigen Wilhelm Wagenfeld, der erstmals in der deutschen Industriegeschichte die Position eines „künstlerischen Leiters“ bei den Vereinigten Lausitzer Glaswerken innehatte und Glasprodukte entwickelte, die heute in vielen Museen der Welt zu finden sind und manchmal auch auf den Flohmärkten in der Oberlausitz. Wer in Kreuzberg weiß heute noch, dass Wagenfeld oft in der Zweigstelle der VLG in der Lausitzer Straße zugegen war, also im Flagstore einer der damals weltweit größten Glashütten (http://www.glasmuseum-weisswasser.de).

Nach Weißwasser entdeckte ich Bad Muskau mit seinem herrlichen Schloss & Park Areal und vor allem: Fürst Hermann von Pückler-Muskau. Was für ein Mann! Ein Freak, ein Bohemian, ein Dandy, ein Schriftsteller, ein Orient und Okzident Reisender und ein innovativer Parkgestalter noch dazu. Seine Bücher – die zu Lebzeiten zeitweise besseren Absatz fanden als die Arbeiten Goethes – sind auch heute noch lesenswert. Die Spuren, die er hinterlassen hat, finden sich nicht nur in Deutschland und Europa, sondern auch in Afrika. Dort hat er Machbuba auf einem Sklavenmarkt gekauft, dort hat er sich (Grafitti! Tags!) an diversen historischen Monumenten (Abu Simbel, Gebel Barkal, Gizeh, Naga etc.) vergangen und seine Signets eingekratzt. Machbuba im Übrigen liegt auf einem kleinen Friedhof in Bad Muskau begraben. Den Quellen nach ist sie wohl recht elendig an Krebs in Abwesenheit des Fürsten gestorben (http://www.muskauer-park.de)

Beginnend in Bad Muskau habe ich mich dann die Neiße hoch ge-googelt und den freien Raum mit den vielen kleinen Dörfern entdeckt, die sich links und rechts im ehemaligen Urstromtal der Neiße befinden um dann wieder in Görlitz zu landen. Über Görlitz soll nun aber die Stadt selber berichten. Hier ein Link: http://www.goerlitz.de/Tourismus.html

Am Ende der online Reise bin ich in Zittau angekommen, knapp vor dem polnisch-tschechischen Isergebirge mit seinen beliebten Wander- und Skigebieten, mitten im Dreiländereck gelegen und am Rande des sogenannten Oberlandes, dem südlichen Teil der Oberlausitz mit seinen drolligen Hügeln und den einzigartigen Umgebindehäusern (http://www.stiftung-umgebindehaus.de)

Silvester 2009/2010 habe ich dann dreisam in Klein Priebus verbracht. Drei temporäre Ex-Berliner auf dem Land. Es war so ruhig, dass ich nicht einschlafen konnte. Kein Knallkörper-Krieg auf der Straße, kein 24-Stundenstraßenverkehr, kein Flugzeug, nüschte und am nächsten Morgen ein Aufwachen ohne Partykater, dafür mit Hühnergetöse und Katzenschnurren.

Wenige Monate später war ich Oberlausitzer, gemeldet in der Gemeinde Krauschwitz im Landkreis Görlitz mit Frau, Katze, Haus & Hof, Badestelle in der Neiße und einem Startup Projekt, dass sich bis heute zu einer kleinen kreativen Agentur gemausert hat. Berlin ist für mich nun eher ein Vorort von Görlitz geworden. Die oben beschriebenen Online-Attraktionen kenne ich jetzt natürlich auch „live“ und einige andere mehr.

4 comments

  • Anne sagt:

    Görlitz ist meine Heimat. Nur leider verfällt sie immer mehr.
    Die Altstadt wunderschön, aber schaut man etwas tiefer .. sieht man verfallende Häuser oder Ruinen. So wie in den anderen Teilen der Stadt.
    Der Kern von Görlitz … herrlich, aber dahinter … traurig.

    Du hast sehr schön geschrieben
    Man geht gedanklich mit auf deiner Reise ….

    LG
    Anne

    • Liebe Anne,
      wir schauen durch verschiedene Brillen. Für mein Empfinden hat sich Görlitz – auch hinterm Kern – deutlich verändert. Natürlich gibt es noch Leerstand und vereinzelte Ruinen, aber sie sind über die Jahre immer weniger geworden und ich bin sehr sicher, dass das so weiter geht. Der Verfall, den Du siehst, den sehe ich nicht sondern die rasante positive Entwicklung, die die Stadt allein in den letzten 20 Jahren vollzogen hat. Gleiches gilt für Zgorselec und gerade die tolle und entspannte Neißeufer-Situation. Schau auch mal, was die vielen jungen Menschen und jung Gebliebenen in und um die Stadt herum so treiben. Da sollte die Freude über die vielfältigen bunten fröhlichen Aktivitäten Deine Traurigkeit ganz schnell verschwinden lassen. Es passiert sehr viel. Nicht immer so schnell wie man/ich/viele es wünschen, aber es geht voran.

      Ahoi

      Jan

  • phantastisch,
    ich bin in oberlausitz geboren und mit abi in der tasche über leipzig , dann den weg über spanien, portugal nach berlin gestrandet, wollte immer ans meeer, dann immer berlin und uckermark gependelt, nirgends richtig angekommen- nun auf der suche und evtl. den bogen schlagend wieder richtung OL 😉
    … wenn es da ein netzwerk gäbe, und kreative leute !
    nun entdeck ich heute zufällig euch hier-
    herrrlich!
    wir sollten uns kennenlernen, cori schubert
    (13187 pankow, mit flugzeugen überm kopp)
    ps. gefunden hab ich euch, weil ich mal googlen wollt, ob es eigentlich kundalini-yoga in OL irgendwo gibt ;))

    • Hej Cori, schön dass Du uns gefunden hast! Mit Flugzeugen überm Kopf habe ich auch mal gelebt, auf Eiswerder kamen sie ganz tief runter (Spandau). Gerade in Löbau gibts eine spannende Initiative: Löbaulebt. René Seidel ist dort einer der Initiatoren, der auch ein Porträt hier geschrieben hat.Also seitdem Du weg bist, hat sich hier ne ganze Menge verändert. Es sind viele kreative Leute hier am Wirken.

      Ja, lass uns gern kennenlernen! Dazu lass uns weiteres mal hier besprechen: willkommen@raumpioniere-oberlausitz.de oder Du rufst an: 035775 41664
      Du kannst natürlich auch gern zu unserer Temporären Raumpionier-Landebahn in Weißwasser am 6.10. kommen, um einen Eindruck zu gewinnen.

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