Wie ist das so, wenn man von der Stadt aufs Land geht?
Wie ist das so, wenn man von der Stadt aufs Land geht?
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In meinem früheren Leben war ich Berlinerin. Nun lebe und arbeite ich in einem kleinen Dorf an der Neiße. Ich bin ein Raumpionier, der in Gebieten siedelt, denen viele andere den Rücken kehren. Wer immer auch nur die Möglichkeit hat, aber immer noch daran zweifelt auf’s Land zu ziehen, den will ich auf diesem Weg bestärken. Auf dass alle finden, was sie suchen und suchen, was es zu finden gibt.

„Und wie ist das so, wenn man von der Stadt auf‘s Land geht?“ diese Frage habe ich schon vielen Berliner Freunden beantwortet. Ich glaube, man kann sich das nicht vorstellen, man kann es nur machen. Für mich war das so:
Ich hatte das Gefühl, die ganze Stadt schon erfahren zu haben. Mit 17 war ich allein von Cottbus nach Berlin gegangen und machte mein Abi eben da wo mein gesamter älterer Freundeskreis auch war: im Prenzlauer Berg. Damals war das Überleben in der Stadt noch viel leichter. Einmal in der Woche an der Bar im Tresor arbeiten reichte dicke aus. Dort habe ich auch Licht und Kasse gemacht und bin später ins Management gewechselt. Nach mehr als 10 Jahren kam dann plötzlich die große Langeweile, Leere und Sinnlosigkeit. Ich wollte raus aus der Geradlinigkeit und Reizüberflutung, die sich in all den schnellen und effizienten Wegen und Möglichkeiten einer Stadt manifestieren. Ich hatte mich davon viel zu sehr hineinziehen lassen und funktionierte als Rädchen eines fremden Uhrwerkes, das immer lief und lief und lief. Ich hetzte meine Wege vorbei an den vielen Menschen, die nur mehr Objekte waren. Irgendwann flog ich einfach raus aus meinem Hamsterrad.

Als Kind hatte ich die wilde Urkraft der Natur in den großen Landschaften erlebt und das hatte sich tief in mir verankert. Da musste die Lösung sein und der Zufall wies mir den Weg. Ein Stück Zeitung im Bus, darin ein Forsthaus zu vermieten. Ich komme!
Die Zeit war mir günstig. Plug & Play-Arbeitswelten waren gerade möglich geworden. Als Autorin für „Bernd, das Brot“ brachte ich meine Arbeit einfach mit.

Eine ungeahnte Freiheit empfing mich. Ich konnte laut sein, wann ich wollte, auch nachts um 3 noch auf Clublautstärke aufdrehen. Ich konnte tanzen, singen, schreien, wann immer mir danach war und ich hatte unendlich Platz. Hier fühlte ich mich zum ersten Mal richtig. Hier hatte alles die Geschwindigkeit, die ich ihm gab.

Als der Winter ins Land schlich, entdeckte ich dann auch noch die andere Seite: Uff, hier ist ja wirklich nichts!!! Wenn ich dem Tag keinen Sinn geben konnte, dann war da einfach niemand, der dies tat. Irgendwann war ich echt auf Entzug. Das war wie eine Art Landevorgang eines Raumschiffs. Durch das Bremsen bemerkst Du plötzlich, wie schnell du wirklich unterwegs bist. Der Eintritt in die Erdatmosphäre zerreißt Dich fast. Doch dann, nachdem Du endlich auf einem neuen Plateau gelandet bist, kannst Du eine reiche neue Welt entdecken. Anfangs fuhr ich also einfach einmal die Woche in die Stadt, um meine Gier nach Stimulation zu stillen, inzwischen, auch nach einem Ortswechsel von der Prignitz in die Oberlausitz, brauche ich das nicht mehr. Ich gehe einfach raus und schließe mich den großen Rhythmen der Natur an: Dunkelheit und Licht, Winter, Frühjahr, Sommer, Herbst. Die Stille ist zur Fülle geworden. Ich spüre die Kraft der Erde unter meinen nackten Füßen und lass mir von der Sonne Energie in Körper und Geist strahlen. Ich höre das Regenlied, das Rauschen, Plätschern und Toben der Neiße, das Pfeifen des Waldes. Ich gärtnere und verwandle nach und nach Vorgarten und Wiese in kleine Paradiese, in denen mir die Beeren in den Mund wachsen. Ich fahre nicht in ein Naturerlebniszentrum, sondern bin schon mittendrin.

Und ich habe gelernt, jeglichen Mangel als Potential zu begreifen: Gibt es irgendetwas nicht, dann mach es selbst! Haus und Hof, Wald und Neißestrand sind der ideale Spielplatz für all meine kreativen Gelüste.

Apropos günstiger Raum: In den nächsten fünf Jahren sollen hier 15% weniger Menschen leben. Unendliche Möglichkeiten tun sich auf. Nur mal so als Tipp: Mit einer Berliner Jahresmiete kann man hier leicht ein Haus kaufen. Wie zum Beispiel unsere Freunde, Künstler im Nachbardorf, die für knappe 4.000 Euro ihren Hof ersteigert haben. Und das geht hier nicht nur auf dem Land, sondern zum Beispiel auch in Görlitz. Prächtige Wohnungen mitten in der wundervollen Altstadt gibt es für ein ganz kleines Geld. Das haben nun auch schon einige Start-ups mitbekommen. Die Städter kommen!

5 comments

  • Daniel Elsner sagt:

    Won wem ist dieses wundervolle Bild?

    Mit freundlichen Grüßen

    Daniel

  • Liebe Ariella Schmidt,

    habe durch ein wenig rumstöbern, diesen Block von Ihnen gefunden und Ihre Worte purzelten wie eine Perlenschnur in mein Herz hinein: tanzen ,mal laut sein,ich würde hinzufügen, auch mal mit den Füssen stampfen, auch mal ganz laut rufen!
    Ja, danach sehne ich mich sehr , so begann mein Leben und ich wünsche mir,dass es so enden darf.

    Jenes Haus von dem Sie mir geschrieben haben, ist leider etwas für sehr kleine Leute (Deckenhöhe 185 cm) mein Mann ist 195cm , ich fand es wirklich schade!
    …liebe Grüße
    Manuela Prosperi
    P.S. wundern Sie sich nicht Prosperi ist mein Mädchen-Künstlername, verheiratet kommt noch Ziebertz hinzu

  • Bettina Kirschner sagt:

    Liebe Arielle Kohlschmidt,
    es ist so absolut treffend, wie Sie die „Nöte“ der Stadtmenschen schildern, weil ich es ebenso empfinde. Bin zwar eine andere Generation als Sie, aber die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und naturnahem Leben ist ja altersunabhängig. Seit 16 Jahren lebe ich 30 km nordwestlich von Hamburg (lebte vor dem Umzug 5 Jahre in Cottbus), erstaunt darüber, dass ich mich eine Großstadt faszinierte (wobei Hamburg duchaus auch positive Aspekte hat) . Mittlerweile beschränkt sich der Aufenthalt dort auf Theaterbesuche 2-3 mal im Jahr. Und einmal im Jahr, wenn ich vom ZOB nach Berlin zur Demo „Wir haben es satt“ fahre. Meine Zukunftsvision wird sich in Meck-Pomm verwirklichen….Mehrgenerationen-Hof oder ein Dorf, indem mehrere Generationen leben. Ich kümmere mich um Kinder, Tiere und Garten, wenn ich in zwei Jahren Rentnerin (mit 63 J.) bin. Ob Ärzte in der Nähe sind, darüber mach ich mir keine Gedanken, Konsumtempel und dergleichen brauche ich nicht. Was eine gute Erfahrung in der DDR bedeutete: Mangel erzeugt Kreativität. Sich gärtnersich betätigen zu können, ist Entspannung pur. Diese Erfahrung kann auch ich machen, da wir zum Glück einen sehr kulanten Vermieter haben.
    Für Sie weiterhin Alles Gute und herzliche Grüße aus Schleswig-Holstein
    Bettina Kirschner

    • Liebe Bettina Kirschner,

      es freut mich sehr, Ihre Zeilen zu lesen. So wie Ihnen ging es mir auch: Nach einigen Jahren „nutzte“ ich die Großstadt gar nicht mehr. Also warum mitten in all dem Wirrwarr leben? Ich hatte meine Bodenhaftung verloren und nun in den Jahren des Landlebens wieder gewonnen. Wenn Sie mal in der Gegend sind, kommen Sie gern vorbei! Ich wäre auch sehr gespannt darauf zu hören, was sich Ihrer Projektidee entwickelt.

      herzliche Grüße von der Neiße

      Arielle Kohlschmidt

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