Couchsurfen für Zelte
Couchsurfen für Zelte
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Auf dem Dorf sind – mal von den Nachbarn abgesehen – Spontanbesuche selten. Es ist Freitag Abend und ich lese gerade meinem Sohn eine Geschichte vor, da höre ich plötzlich neue Geräusche auf dem Hof. Da ich alle Geräusche hier kenne, weiß ich: Das ist was ganz anderes, was da gerade räuscht. Ich öffne die Tür, vor mir steht eine Frau. Sie sieht ziemlich erschöpft aus. Es war ein verdammt heißer Tag. Sie sind mit dem Fahrrad unterwegs und suchen noch einen Zeltplatz für eine Nacht. Wir haben ein Raumpionierstations-Banner am Gartenzaun, sagt sie, davon hatte sie schon mal gelesen.

Mein erster Impuls: „Oh, überraschend fremde Menschen.“ Dazu muss man wissen, dass ich von Natur aus gern in mich zurückgezogen bin, eigentlich in eine Einsiedelei ziehen wollte. Interessanterweise hat mich das Landleben aber viel, viel präsenter und menschenfreundlicher gemacht. Hier kann man sich einfach nicht verstecken wie in der Stadt. Und so nach und nach setzte eine Veränderung ein, nach der ich mich selbst kaum noch wiedererkenne.

Es rattert also kurz in meinem Kopf: Wer bin ich, was will ich, was sind das für Leute und: Geht das überhaupt? Da wir nicht Fernsehen gucken, haben wir abends auch nichts vor. Also: System neu konfigurieren und offen sein. Das klappt ganz gut und mündet in unbefangener Leichtigkeit: „Na klar, kommt doch rein!“

Ihr Mann und ihre zwei Kinder stehen noch mit Fahrrädern am Neißeradweg. Sie sind erleichtert, einen Platz gefunden zu haben. Ein schönes Gefühl, Grund für diese Erleichterung zu sein.

Etwas in mir freut sich in diesem Moment ganz diebisch über diese wunderbare Übung im „Annehmen was kommt“. Denn das, was da kommt, außerhalb aller Planerei, das ist das richtige Leben, so richtig, wie es mein Plan nie sein kann. Das ist die Welle, auf der ich surfen kann.

Ich heiße unsere Gäste willkommen und erkläre die Basics: Wo ist ein guter Platz, wo einen die Sonne nicht allzu früh weckt, wir haben eine Gartendusche, aber ihr könnt auch drinnen duschen, ebenso kochen. Kommt erst mal an.

Später gesellen wir uns dazu. Unsere Gäste betreiben eine kleine Öko-Landwirtschaft im Erzgebirge, Bohnen aus ihrem Garten haben sie mitgebracht, wir kochen sie in unserer Küche. Selbstgebackenes Brot haben sie auch dabei. Wir werfen auch noch einiges mit in die Runde. Es wird ein herrliches Abendmahl. Auch wenn mein Mann exzellent kocht, fremde „Stullen“ haben für mich immer ihren ganz eigenen Reiz. Schon als Kind mochte ich am liebsten die von meiner Freundin.

Der Sommerurlaub der Gäste wird mitten in unserem Alltag zu unserem Urlaub.

In der Küche steht noch die Getreidemühle, ich musste-wollte einen Kuchen backen, weil mein Mann Pflaumen für Pflaumenmus mitgebracht hat, die aber nur für Kuchen geeignet sind. Vor ein paar Stunden fragte ich mich noch, wer den denn essen wird. Jetzt weiß ich es. Den gibt’s morgen zum Frühstück.

Der Zufall zeigt sich auch in anderen Dingen als Meister.

  • Der Sohn ist in etwa im gleichen Alter wie unser.
  • Die Nachbarstochter kommt dazu und mag ebenso gern Turnen wie die Tochter unserer Gäste. Die Kinder wollen sich bald gar nicht mehr trennen.
  • Und dann haben wir uns letztens bei einem neuen Portal eingetragen: 1NITE TENT – Couchsurfen für Zelte. Diese Website macht das skandinavische Jedermanns Recht bei uns möglich: Zelte eine Nacht kostenlos bei jemandem im Garten. Das kannten sie zwar nicht, macht aber nichts. Es war ein ganz besonderes Geschenk.

Also Leute: Mitmachen! So gibts echtes Leben zu erleben!

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